Wir trafen unsere Gastfamilien. Ich war so überglücklich, als ich alle mit dem roten Oldtimer-Ford anfahren sah. Meine Gastbrüder Juan David (6) und Gustavo Andres (8) waren am Anfang noch nen bisschen scheu, aber jetzt hängen sie an mir und das ist gut so, weil wir den ganzen Tag miteinander reden. Dann wird das mit der Sprache ziemlich schnell kommen.
| Das Haus |
Wir wohnen in nem Stadtviertel, das nur wenige Einfahrten hat und die sind durch Schranken geschlossen und auch oft bewacht. Also kann man sich hier eigentlich auch relativ gut alleine rumtreiben. Meine Gasteltern sind dabei auch Gottseidank total locker. Sogar die beiden Kleinen dürfen bis 11 abends alleine rumlaufen.
| Der Park vor der Haustür |
Nachbarschaft ist hier übrigens sehr wichtig. Jeder kennt jeden und es wird auch gerne eingeladen.
So, nun zu den Gasteltern. Die Mutter heißt Janeth und ist sehr nett. Wir reden oft noch nach dem Essen zusammen und versuchen, uns so gut es geht zu verständigen. Da ist der Übersetzer aufm Handy schon sehr hilfreich, denn ihre Englischkenntnisse sind eher ausbaubar...
Übrigens was mir sofort aufgefallen ist, dass hier eigentlich niemand in der Stadt Englisch kann, nichtmal die Erwachsenen. Und wenn es dann welche gibt die es können, ist es so hart zu verstehen, was sie eigentlich sagen wollen, weil die Aussprache sowas von schlecht ist.
Ich glaube, allgemein wird hier kein ganz so großer Wert auf gute Schule gelegt. Meine Cousine hier zum Beispiel hat jetzt schon 9 Jahre Englisch in der Schule und konnte mir ganze 4 Wörter auf Englisch aufschreiben. Von Aussprechen war gar nicht zu denken.
Bei mir fängt die Schule am Montag an, also morgen, dann kann ich Näheres berichten. Ich war schon meine Schuluniform kaufen und ja natürlich ist sie hässlich. Ehrlich gesagt hatte ich eigentlich auch nichts Großes erwartet.
| Normale Uniform |
| Sportuniform |
| Gastvater Gustavo mit seinem Lieblingsauto (Ford F-100) |
| Juan David und ich auf der Farm |
Dazu hat er noch eine Finca etwas außerhalb mit bestimmt an die 100 Kühen für die Milch für die Shakes. Separat besitzt er noch 12 Pferde, die an Wettkämpfen teilnehmen.
Und er kommt eigentlich jeden Tag mit nem anderen Auto vorgefahren.
Wie man sich nun ausmalen kann, hat die Familie dann natürlich auch ein sehr gutes Haus für ecuadorianische Verhätnisse.
Ich war auch schon bei Anderen aus der Familie und die Häuser waren fast alle einfach aus Backstein und mit Wellblech gedeckt.
Aber jetzt will ich doch mal besser auf die ersten Tage eingehen und was ich erlebt habe...
Am ersten Tag sind wir direkt zu meiner Tante hier gefahren. Es ist oft so hier, dass sich die ganze Familie in einem Haus trifft und man da einfach nur sitzt, redet und die Kinder spielen. Für mich ist das natürlich noch eher schwer, tiefgründige Gespräche zu führen wegen meinem Spanisch, aber es ist echt so, von Tag zu Tag verstehe ich mehr. Da war ich doch schon total froh, dass der Mann der Tante Österreicher ist und ich mit ihm dann sprechen und ihn auch über Sachen wie Kriminalität und Co. ausfragen konnte.
Also hier muss man schon aufpassen, wo man rumläuft, was man bei sich hat und was man auf offener Straße zeigt. Fast jeder, den ich gefragt habe, wurde mindestens schon einmal ausgeraubt, aber wolln wir mal hoffen, dass sie einen armen blonden Deutschen in Ruhe lassen...
Apropos Deutsch: Ich merke schon, dass ich hier jemand ganz anderes bin.
Ich habe noch keine Person hier gesehen die größer ist als ich (ein Amerikaner hier hat mich auf satte 29 Jahre geschätzt - ohje bin ich wirklich schon so gealtert?) und blonde Menschen findet man hier höchstens im Friseursalon frisch gefärbt. Das kriege ich zu spüren, immer wenn wir durch die Stadt fahren, werde ich von jedem angeguckt und naja manchmal gibts da auch Mädels auf der Straße, die mich fotografieren und schöne Luftküsse schicken. Also auf das Thema bin ich doch mal gespannt hier. Ich werde möglicherweise berichten (oder lasse es besser bleiben... ;)
So, ansonsten passiert hier oft dasselbe. Wir setzten uns alle ins Auto, fahren zur Fabrik, warten dort ewig, bis die Erwachsenen fertig sind, um danach zur Baustelle zu fahren, wo grade eine Lagerhalle für den Shake gebaut wird. Danach gehts nochmal zur Finca und dann wiederholt sich der Ablauf grad wieder. Wir sind bestimmt 5 mal am Tag in der Fabrik und auf der Baustelle, aber naja das ist immernoch besser, als den ganzen Tag zu Hause zu gammeln.
Ich vermisse ein wenig den Sport, werde aber morgen in der Schule die Jungs fragen, in welchen Fußballverein ich am Besten gehen soll. Apropos Sport, Gustavo, meine Cousine hier und ich haben vor, im September an nem Triathlon mitzumachen. Das heißt Cousine schwimmt, Gustavo fährt Fahrrad und ich darf dann schön 10km laufen... Eigentlich müsste ich mal trainieren, aber naja egal ich pack das schon irgendwie.
Ihr werdet es nicht glauben (besonderer Gruß an meine Pfarrerinnen, Mama und Brabra), aber ja ich war wirklich schon an meinem ersten Sonntag hier in der Kirche. (Am Rande: 90% der Bevölkerung in Ecuador ist katholisch, der Rest gehört irgendwelchen Naturreligionen an und die Minderheit ist protestantisch).
Ich dachte eigentlich, ich gehe jetzt ganz normal in die katholische Kirche, aber nein, natürlich ist es hier mal wieder ganz anders als bei uns. Die Erwachsenen gehen ganz normal in den Kirchensaal und folgen dem Gottesdienst, die Kinder aber werden nach Alter sortiert und in verschiedene Räume gebracht, wo dann während der Zeit des Gottesdienstes über Gott, die Bibel und Co. gelehrt wird. Also sowas wie Religionsunterricht am Sonntag.
Ich hab kein Wort verstanden und mich (passend zum Thema), wie beim Turmbau zu Babel gefühlt.
Bin aber optimistisch, bald werde ich alles verstehen. Kann es gar nicht abwarten, denn es ist schon sehr anstrengend für mich den ganzen Tag aufzupassen, um was zu verstehen. Am Abend bin ich dann oft echt fertig und freu mich auf mein Bett.
Tipp: Was auch entspannt ist, hessisches Radio HR3 übers Internet zu hören, gewohnte Stimmen und ich bekomm noch ein bisschen mit, was in meinem geliebten Hessenlande abgeht.
Diese Woche waren Gustavo und ich nochmal in Quito über zwei Tage, weil er wieder mal geschäftlich dahin musste und er hat mich netterweise mitgenommen. Mittlerweile hab ich mich echt in die Straße von Santo Domingo nach Quito verliebt. Man kann so viel sehen.
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| Quito bei Sonnenschein |
Die Luft in Quito war an manchen Stellen echt total dunstig und man sollte nicht ohne Gasmaske rumlaufen, weil der Vulkan Cotopaxi immer noch vor sich hindampft (sogar hier in Santo Domingo fast 200km entfernt haben wir manche Tage den Staub aufm Auto oder auf der Terasse).
So nun will ich auch nicht mehr weiter mit langen Geschichten quälen und machs einfach und schreib einfach in Stichpunkten auf, was mir hier sonst noch so alles aufgefallen ist:
-Verkehr: Dem europäischen Straßenverkehrsteilnehmer würde ich 30 Sekunden auf einer ecuadorianischen Straße geben und dann wars das aber auch. Jeder fährt wie er will und hupt einfach, um zu sagen, dass er gerne Platz hätte. Zum Beispiel hupt man, wenn man ausm Kreisel rausgelassen werden will. Ohne Hupe ist man hier also aufgeschmissen. Da fährt man dann lieber Bus oder Taxi. Hier gibts übrigens auch keine Bushaltestellen. Es fahren so viele Busse rum, dass man einfach winkt und aufspringt. Ja man springt wirklich auf. Die Türen im Bus sind immer offen, auch bei der Fahrt, und der Busfahrer fährt einfach kurz langsamer, dass du reinspringen kannst. Die Bustickets kann man sich hier auch noch gerade so leisten. Einmal durch die ganze Stadt kostet 25 Cent und als Schüler ganze 10 Cent.
| Erfindungsgeist der Ecuadorianer |
Wer braucht schon Licht nachts oder nen Helm aufm Motorrad? Und na klar passt eine 5-köpfige Familie auf ein einziges Motorrad! Und nen LKW ohne Führerhaus, sondern einfach mit nem Gartenstuhl, fährt auch! (Bild rechts).
Den Sprit kann man sich hier auch gerade so leisten. Eine Gallone (knapp 4 Liter) kostet hier 1,40$ (Super) und Diesel 1$ (also wirklich nur 25 Cent pro Liter) und das schon seit Jahren. Die Preise sind im ganzen Land festgesetzt. (Wenn man mal bedenkt wie man in Deutschland Benzinpreise vergleichen muss...)
Man merkt, dass Benzin hier nix wert ist total in der Stadt. Jeder lässt seinen Motor an, auch wenn man mal ne halbe Stunde wo warten muss. Und kein Auto hat wirklich nen guten Filter Für mich ist es schwer, auf der Straße rumzulaufen, ohne zu husten.
Türklingeln gibts hier auch nicht, man hupt einfach paarmal, wenn man vorm Haus steht (ohne Hupe mal wieder aufgeschmissen).
-Der Müll wird ab und zu auch einfach auf der Straße verbrannt
-In der Stadt gibt es kein Warmwasser, aber ne kalte Dusche am Abend ist auch ganze angenehm, weil...
-...hier ist die Luft immer heiß und total schwül (ich denke die Luft ist so feucht, weil die Stadt umrundet von Regenwald liegt)
-Essen: In Ecuador isst man gefühlt das 10-fache wie in Deutschland. Jede Mahlzeit besteht normalerweise einfach aus Reis, Bohnen und Fleisch (und das nicht zu knapp).
| Morgens um 8 erstmal richtig reinhauen |
Aber das restliche Essen, das auf der Straße angeboten wird ist echt gut. Es gibt viele Menschen hier, die gar keine Küche richtig haben, weil auf der Straße gibt es zu jeder Uhrzeit und jede 3 Meter nen Essensstand. Und das sogar echt günstig, meist ist das typisch ecuadorianisches Essen und ne ganze Mahlzeit kostet 1-2$.
-Obst: Unbeschreiblich! Das Bild sagt alles.
| Währenddessen am Straßenrand erstmal die Frage, bei welchem Stand kaufe ich denn heute mein Obst? |
Dann gibt es auch noch zu jeder Mahlzeit frischen, immer unterschiedlichen Obstsaft.
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| Mandarinenbaum bei der Finca |
Ich glaube, wenn ich hier jeden Tag ne andere Frucht essen würde, wäre das Jahr hier zu kurz, um alles zu probieren.
So jetzt will ich aber aufhören, ich saß den kompletten halben Tag an diesem Eintrag und es wird langsam Abend.
Ich bin jetzt einfach nur noch gespannt, was die Zeit so bringt. Morgen geht die Schule los und damit beginnt mein Auslandsjahr dann endgültig. Ich hoffe, ich werde in nächster Zeit viele neue Menschen kennenlernen, die mich bei meinem Jahr in Ecuador begleiten werden.
Das waren jetzt tausende Infos zu diesem Land, wenn irgendjemand irgendeine Frage hat, dann bitte stellen, am besten in die Kommentare, dann kann ich da auch antworten.
Immer dran denken: "Wer nicht fragt bleibt dumm." :)
Ich melde mich bald wieder, wenns was zu erzählen gibt.
Ich wünsche euch noch einen schönen Restsommer in Deutschland, bald wird es Herbst...
Hier am Äquator kennt man ja sowas wie Jahreszeiten oder unterschiedliche Temperaturen garnicht.
Macht's gut - Cuidaten! - Passt auf euch auf!
Euer Jona


