Mittwoch, 8. Juni 2016

Das alles soll jetzt bald vorbei sein?

Wir sind im Juni angelangt. Der Monat ist da. Der Monat der Abreise.
Das alles. Dieses ganze Jahr. Diese Heimat. Dieser gewöhnte Alltag. Dieses zweite Leben. Ecuador.
Das alles soll jetzt bald vorbei sein?
Es bleiben noch 14 Tage - 2 Wochen - 1/2 Monat - 0,04 Jahre - 5% meines Jahres bleiben mir noch.
Dann ist Schluss.
Diese Zahlen schießen mir immer wieder in den Kopf und bringen mich zum Nachdenken.

Freue ich mich? Bin ich traurig? Was will ich eigentlich?

Wie ich mich fühle, das ist super schwer zu erklären. Ich habe so viel Zeit hier verbracht und dabei so viel erlebt, so viel gelernt, so viel Neues entdeckt und so viele Leute kennengelernt.
Da ist der Gedanke natürlich unvorstellbar, das alles hinter sich lassen und wieder in das "alte", irgendwie anstrengende Leben zurückkehren zu müssen.
Ecuador, das ist für mich wie ein anderes Leben, ein zweites Leben.
Die andere Sprache, die andere Kultur, die anderen Menschen, die einfach andere Welt macht das alles zu einem zweitem Leben.

Ich habe Angst, dass mir dieses Jahr in Deutschland irgendwann nur noch wie ein kurzer Traum vorkommt. Dieser Traum war zwar wunderbar und der Beste den ich je hatte, aber Träume vergehen und irgendwann erinnert man sich nur noch wage und selten an diesen Traum.
Sonnenuntergang in Santo Domingo
Ich fürchte, dagegen kann man nichts tun.
Ich weiß aber, dass ich diesen Traum niemals ganz vergessen werde und dass ich eine zweite Heimat auf der anderen Seite dieser großen Welt habe.
Darauf bin ich stolz.
Ich bin stolz auf mich selber, wie ich das alles geschafft habe, in eine andere Welt zu kommen, ohne große Sprachkenntnisse, ohne Plan, nur mit dem Willen und der Motivation etwas komplett anderes, die ecuadorianische Kultur, kennenzulernen.

Es ging nicht immer nur glatt, da war zum Beispiel der Schul- oder der Familienwechsel.
Probleme, an denen bin ich gewachsen und ich glaube, ich komme als sehr viel reifere Person wieder zurück nach Deutschland.
In den 10 Monaten habe ich Ecuador von allen Facetten kennengelernt und habe viel aus der südamerikanischen Kultur gelernt, die für einen Europäer in der ersten Zeit verdammt merkwürdig und komisch vorkommen mag. Mit der Zeit versteht man sie aber immer mehr und mehr und ich identifiziere mich schon sehr mit dieser Kultur.
Zum Beispiel bin ich ein sehr entspannter Mensch geworden, was Pläne und Vorhaben angeht. Ich plane mir meine Zeit nicht so gerne ein, ich lasse lieber alles auf mich zukommen und schaue spontan, wie was funktionieren kann.
Auch bin ich nicht mehr sehr nachtragend. Wenn etwas passiert ist und man es nicht mehr ändern kann, dann ist es passiert und gehört der Vergangenheit an. Warum also so viel daran nachtrauern? Das Leben geht weiter.
Ich wurde also ein wenig zum Latino, und ich glaube, das könnte in Deutschland der ein oder anderen Person auf die Nerven gehen (Grüße dabei vor allem an Mama, du bist dabei ja nun schon ein richtiger Profi).

Alles in allem war es das beste Jahr meines Lebens, da bin ich mir sicher. Ich denke, das habe ich euch in der letzten Zeit hoffentlich verständlich nahe gebracht.

Es wird also verdammt schwer, mich von all dem zu verabschieden und meine Rückreise anzutreten, trotzdem ist dabei auch immer noch ein großer Teil in mir, der sich wieder total auf Deutschland freut.
Auf die Familie, auf die alten Freunde und auf das geordnete Leben. Einfach wieder da sein, wo man geboren ist und immer gelebt hat. Obwohl man mir immer sagt "Jona, du bist ein typischer Ecuadorianer!" und ich mich auch sehr so fühle, bin ich doch immer noch Jona, der in Deutschland seine "echte" Heimat hat und das Leben dort vermisst.
Mein Zuhause - Santo Domingo de los Colorados
Gemischte Gefühle also. Ich komme damit klar, mein Jahr in Ecuador geht vorbei. Mir bleiben aber für immer Erinnerungen, Fotos und Freundschaften. Diese Zeit hat mich sehr geprägt und ich bin so dankbar, dass ich diese einzigartige Erfahrung erleben durfte.

Ich bin verliebt in mein Land Ecuador, ich fühle mich vor allem hier in Santo Domingo zuhause.

Grüße aus dem immer noch weit weit entfernten Südamerika.
Bald habt ihr mich dann also wieder am Hals, ich freue mich drauf!

Euer Jona